Artikelformat

Skip Intro ist zurück – auf dem iPad

Hinterlasse eine Antwort

906

(Ion Tichy vor seinem 30-Jahre-Hyperschlaf in der Duseltronischen Maschine Ijon Tichy: Raumpilot – Die Sterntagebücher.)

Im Jahr 1996 hatte ein weitsichtiger Agenturchef eine verblüffende Idee: Er versetzte ein komplettes Projekt-Team seiner Multimedia-Agentur in Tiefschlaf. Bereit, um in der Zukunft jederzeit wieder eingesetzt zu werden, wenn es gebraucht würde. Wann das sein werde, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht, aber eines war klar: Der Zeitpunkt würde kommen und mit diesem Team wäre er sofort bereit, die Aufgaben der Zukunft anzugehen.

Knapp 14 Jahre später ist es soweit. Apple präsentiert das iPad und die ganze Medienwelt ist in Aufruhr. Dieses Gerät wird die Welt verändern. Ganz klar, dass da die Agentur mitmischen will. Mit Inhalten für das iPad. Wir zeigen das Briefing und das Ergebnis. Und weil es so interessant ist, auch noch eine kurze Analyse des Konzepts und der Herstellung.

 

Das Briefing

Die Agentur ist stolz auf ihren großen Kunden, einen der größten Automobilhersteller der Welt. Vor einiger Zeit traf man sich zum Gedankenaustausch.

Kunde:

Wir haben in letzter Zeit erstaunlich viele Autos verkauft. Deshalb hat der Vorstand unser Budget für Öffentlichkeitsarbeit erhöht. Aber was sollen wir damit machen? Twitter, Facebook, oder doch Print? Jetzt ist Ihre Kreativität gefragt.

Agenturchef:

Ganz klar: Wir machen eine iPad-App. Allein damit kommunizieren Sie schon, dass Sie auf dem neuesten Stand der technischen Entwicklung sind. Lassen Sie uns ein Magazin machen. Ein digitales Magazin für ein neues digitales Medium. Etwas, das nicht einmal die großen Verlage hinkriegen.

Kunde:

Das klingt gut, haben Sie schon eine Idee?

Agenturchef:

Wie wäre es damit: World of […] nimmt Sie mit auf eine atemberaubende Reise durch die Welt von […]. Sie sehen Dinge, die Sie noch nicht über […] wussten. Das Magazin zeigt Ihnen, wie spannend die Welt von […] ist. Alle Inhalte wurden speziell für das iPad entwickelt. Es ist ein innovatives Magazin, das Sie exklusiven Content entdecken und erfahren lässt, der speziell für das erste internationale Magazin von […] produziert wurde!

Kunde:

Gekauft. Sie sind fantastisch. Die spannende Welt von […], exklusiver Content, atemberaubend und auch noch international? Heißt das, wir können das auch in anderen Ländern veröffentlichen? USA, China?

Agenturchef:

Selbstverständlich. Wenn Sie jetzt loslegen, sind Sie an der Weltspitze der digitalen Kommunikation. Während die Konkurrenz noch langweilige Autorennspiele macht, sind Sie ganz vorne dabei.

Kunde:

Wo Sie immer die Ideen hernehmen. Ich bin begeistert. Ich freue mich auf Ihr Angebot. Seien Sie nicht zu sparsam. Innovation hat ihren Preis. Das weiß auch unser Vorstand.

Das. Ergebnis

Schon kurze Zeit später präsentiert der Agenturchef dem Kunden das Ergebnis seiner Arbeit. Mit vollmundigen Worten wiederholt er noch einmal die Beschreibung des neuen Magazins.

Das. World of Volkswagen nimmt Sie mit auf eine atemberaubende Reise durch die Welt von Volkswagen. Sie sehen Dinge, die Sie noch nicht über Volkswagen wussten. Das Magazin zeigt Ihnen, wie spannend die Welt von Volkswagen ist. Alle Inhalte wurden speziell für das iPad entwickelt. Es ist ein innovatives Magazin, das Sie exklusiven Content entdecken und erfahren lässt, der speziell für das erste internationale Magazin von Volkswagen produziert wurde!

Agenturchef:

Das haben wir gut hingekriegt. Schauen Sie mal die Startseite an.

921

Kunde:

Die Frau mit dem Fahrrad gefällt mir. Kann ich da auch ranzoomen?

Agenturchef (lacht):

Nein, leider nicht. Aber sie können sie aus allen Richtungen ansehen. Toll, oder? Tippen Sie jetzt mal auf “Magazin öffnen”.

914

Kunde:

Toll. Da bin ja gleich ganz oft. Das war übrigens ein schöner Tag im Studio. Ich sehe gut aus vor dem weißen Hintergrund mit den animierten Seiten. Aber was bedeutet eigentlich “Skip Intro”.

Agenturchef:

Nichts weiter. Das ist nur eine Abkürzung zu den echten Inhalten. Schauen Sie mal. Wenn Sie das iPad nach links neigen, wird der Berg steiler aber die Berge hinten bleiben gerade stehen. Faszinierend oder?

916

Kunde:

Ist es das, was Sie mit mit atemberaubend meinen. Das wird den Usern sicher gefallen, oder? Aber ist das alles an Interaktiv?

Agenturchef:

Natürlich nicht. Passen Sie auf. Wir haben eine richtig hippe Soundmachine eingebaut.

918

Kunde:

Hihi, mir gefällt am besten die Hupe. Mööp, mööp. Aber der Motor klingt nicht so richtig nach GTI, oder? Und damit machen die User dann so richtig Sound?

Agenturchef:

Ja, genau. Und damit sie auch allen ihren Freunden und Bekannten von dieser tollen CD, äh, App erzählen können, haben wir sogar eine E-Mail-Funktion eingebaut. Da haben wir sogar schon eine Nachricht erstellt. Man muss sie nur noch abschicken.

915

Kunde:

Darf ich das gleich mal ausprobieren? Ich schick’ die jetzt mal meine Sohn. Mal sehen, was der davon hält. Mit dem Link kann er die App dann gleich herunterladen, oder?

Agenturchef:

Aber sicher. Die App können Sie im App Store herunterladen. Das geht auch ganz schnell. Wir haben es geschafft, unter 700 MB zu bleiben. Auf diese Größe ist unser Team eingeschworen. 

Und das steckt dahinter. Weiter geht’s zum Konzept.

Das Konzept

Unser Agenturchef fühlt sich 15 Jahre jünger. Damals, als er sich noch die Haare rasieren musste, um mit kahlem Werberkopf auf den New-Media-After-Work-Parties neue Grafikerinnen und Multimedia-Entwickler für seine aufstrebende Agentur zu gewinnen, hat er sich jeden Tag neue interaktive Anwendungen ausgedacht, die dann auf CD-ROMs in großem Stil verteilt wurden. Oder noch besser, auf Terminals mit Touchscreen installiert wurden. So etwas hatte er schon lange nicht mehr gemacht.

Damals hatte er sogar vor, ein monatliches Magazin herauszugeben, das nur auf CD erscheinen sollte. Aber dann kam das Web dazwischen.

Jetzt sammelt er seine besten Ideen von früher und stellt eine Liste zusammen:

  • Das Magazin nutzt die Touchscreen Interface Möglichkeiten des iPad vollständig.
    (Na, so neu ist das auch nicht: ich muss nicht mehr mit der Maus klicken, sondern kann jetzt auf das Display tippen. Da passen unsere alten Animationen noch prima.)
  • Testen Sie den Steigungswinkel des neuen Volkswagen Touareg.
    (Damit haken wir die iPad-Sensoren ab. Wir haben doch mal für irgendeinen Geländewagen ein Spielchen gemacht, bei man das Auto einen Berg hinauffahren lassen musste. Mit den Pfeiltasten konnte man den Berg immer steiler machen. Statt der Pfeiltasten kann man doch das iPad hin- und herbewegen. Das kann doch nicht so schwer sein.)
  • Erfahren Sie den “Area View” des Touareg und wechseln Sie zwischen den verschiedenen Kamera-Standpunkten. Sie sind Regisseur des Films!
    (Naja, Regisseur ist eine wenig übertrieben. Aber das sieht doch bestimmt cool aus, wenn man mit dem Auto in einem völlig weißen Raum steht und ein paar Leute drumherumf fahren oder gehen. Und dann kann man noch einstellen, ob man vorne oder hinten rausschaut. Alles interaktiv – mit touch.)
  • Komponieren Sie Ihren eigenen Soundtrack mit den Sounds des Volkswagen Golf GTI.
    (Soundmachines kommen immer gut an. So ein virtuelles Drumpad, bei dem die einzelnen Trommeln mit unterschiedlichen Geräuschen belegt sind. Da kann auch der User kreativ sein.)
  • Erfahren Sie die Philosophie hinter Think Blue und probieren Sie aus, was passiert, wenn Sie den Touchscreen benutzen.
    (Es muss doch möglich sein, diese öde Öko-Masche irgendwie interessant zu machen. Genau. Wir lassen die User einfach mit dem Finger über den Bildschirm fahren. Das ist gut. Und einen Wassertropfen verschieben. Noch besser. Und dann tauchen Symbole auf. Da blenden wir dann einfach die Texte aus der Unternehmensbroschüre ein. Fertig.)
  • Finden Sie die interessantesten Hot Spots in Amsterdam
    (Das kommt immer gut an. Leute, die ein iPad kaufen, sind sicher hip und erfolgreich und reisen gerne in die Metropolen der Welt. Und weil alle anderen Berlin haben, nehmen wir eben Amsterdam. Mit ein paar Leuten, die ihre Lieblingsorte vorstellen.)
  • Schauen Sie sich die Videos und Filme Full Screen in full HD an. Das. World of Volkswagen.
    (Da habe ich eine tolle Idee: Wir lassen einen Geländewagen in der Wüste fahren. Dann fährt der eine Kurve und wirft Sand an die Scheibe. Und den muss der User dann mit dem Finger wegwischen, bevor er weiterschauen kann. Das ist Touch. Ein bisschen schade finde ich es ja schon, dass ich nie mitkommen darf, wenn diese tollen Filme in der Wüste gedreht werden oder am Meer – an diesen völlig leeren Küstenstraßen. Aber egal. Das ist super Material. Da machen wir ein eigenes Kapitel draus.)
  • Teilen oder speichern Sie die Bilder. Oder verwenden Sie sie als Hintergrund auf Ihrem iPad.
    (Bildschirmhintergründe sind eine super Möglichkeit, auf dem Computer des Anwenders präsent zu sein. Und wie wäre es denn, wenn man die auch noch per E-Mail verschicken könnte)

Ach, der Kunde will noch eine Art Editorial. Damit er erzählen kann, wie stolz er auf das Magazin ist und so. Soll er haben. Aber ein “Skip Intro”-Button kommt rein.

Die Entwicklung

So, jetzt aber los, das Team wecken. Gut, dass er seine alten Lounge-Music-CDs aufgehoben habe. Wenn er die in den CD-Player legt, merken die Leute gar nicht, dass die Zeit vergangen ist und machen alles genau wie früher. Ihm fällt ein: Die Rechte daran bekommen wir sicher ganz billig. Dann bekommt unsere App auch noch einen richtig guten Soundtrack.

Der Chef schaltet die Tiefschlafbetten seiner Mitarbeiter aus. Nach kurzer Zeit sind alle hellwach und bereit für neue Taten.

Hallo Jungs, willkommen zurück. Wir haben einen super Auftrag: ein digitales Magazin für unseren großen Autokunden. Das Briefing habe ich an alle per E-Mail geschickt.” In einer Woche ist Präsentation. Ich zähl’ auf euch.

Ach, und eines noch. Das wird eine Touchscreen-Anwendung.

Entwickler 1:

Ah, das gefällt mir. Videos bearbeiten. Schnippsel platzieren. Und auf die Größe schauen. Das muss ja alles auf eine CD passen.

Projektmanager:

Nicht CD, iPad. Aber das ist ja auch egal.

Grafikerin:

Hat mal jemand ein Bild von diesem iPad. Und die genauen Maße? Dann kann ich meine Photoschop-Layouts genau darauf anpassen. Aber gescrollt wird nicht, ja!

Entwickler 2:

Nein natürlich wird nicht gescrollt. Wir können die Texte ja auch in kleinen Fenstern aufpoppen lassen, und darin laufen lassen. Die liest sowieso keiner. Danach darfst du noch die Intro-Seiten machen.

Praktikant:

Stimmt. Die sind ganz schön langweilig. Ich kopiere die gerade aus der Broschüre raus. Darf ich danach die Filme schneiden und kleinrechnen? Das macht Spaß.

Projektmanager:

Wenn du mit den Texten durch bist, überlegst du dir ein paar Überschriften für die Seiten. Hast du nicht mal so eine Texterschule gemacht?

Entwickler 2:

Den Text kann auch ich machen. Auf dem Klo liegt doch der Stapel mit Auto Motor Sport. Die haben immer die besten Headlines.

Entwickler1:

Ach, so sehen die Macs jetzt aus. OS X gibt es schon? Und Director gehört jetzt zu Adobe? Ich will meinen alten PowerMacintosh zurück!

Projektmanager:

Kein Problem. Wir haben auch eure Geräte aufgehoben. Mit der alten Software dazu. Viel Spaß bei der Arbeit. Pizza jemand, Red Bull?

 

Kommentar verfassen